"Absurd": Kanzler Kurz relativiert Vorwurf an Balkan-Rückkehrer

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"Absurd": Kanzler Kurz relativiert Vorwurf an Balkan-Rückkehrer

Nach einer Welle der Empörung relativierte Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) seine Äußerungen zum Westbalkan. Gleichzeitig wies er den Vorwurf “mangelnder Sensibilität” beim Kommunizieren der Reisebeschränkungen zurück, den ihm Vizekanzler Werner Kogler(Grüne) gemacht hatte. “Jeder, der mich kennt weiß, wie eng ich mit dem West-Balkan verbunden bin”, sagt der Bundeskanzler im Interview mit den Vorarlberger Nachrichten.

Der Vorwurf sei “absurd”, zumal er seit seiner Zeit als Außenminister für den EU-Beitritt der Westbalkanstaaten kämpfe, argumentierte Kurz. Zudem sei der Westbalkan die Region, “die ich am häufigsten besucht habe”, betonte er: “Ich habe viele Freunde mit Wurzeln dort, ich hab ein freundschaftliches Verhältnis zu den Regierungschefs dort.” Überhaupt sei er über die “enge Verwobenheit” mit dieser Region froh.

Aber so wie man im Winter in Ischgl gesehen habe, dass Après-Ski problematisch sei, so habe man auch im Sommer gesehen, dass ein Drittel des Infektionsgeschehens auf Reiserückkehrer zurückzuführen sei, ein “Großteil davon auf den Westbalkan und Kroatien“, erklärte Kurz. Daraus habe man seine Lehren gezogen und die Reisebeschränkungen für die Weihnachtszeit erlassen. Es dürften nicht die Bemühungen im Inland durch Reiserückkehrer zunichtegemacht werden.

Dabei gehe es aber “genauso” auch um Auslandsösterreicher, die nach Österreich zurückkehren, oder Menschen, die gern auf Urlaub fahren, sagte der Kanzler: “Das müssen wir in diesem Jahr einschränken.”

“Aus dem Ausland eingeschleppt”

Wenn wir in den Sommer zurückblicken, dann wissen wir, dass wir ein Drittel unserer Neuinfektionen (…) aus dem Ausland eingeschleppt haben. (…) Es war ein wesentlicher Beitrag dazu, dass die Infektionen ab September kontinuierlich gestiegen sind.“

Diese Aussage von Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) im Gespräch mit Armin Wolf in der ZiB 2 vom Mittwochabend sorgt weiter für Aufregung, nicht zuletzt beim Koalitionspartner. Schon zuvor hatte Kurz gesagt, dass Reiserückkehrer und insbesondere auch „Menschen, die in ihren Herkunftsländern den Sommer verbracht haben“, das Virus wieder nach Österreich „hereingeschleppt“ hätten.

“Virus macht keinen Unterschied”

Vizekanzler Werner Kogler (Grüne) kritisierte am nächsten Tag die Art der Kommunikation, diese sei „einseitig“ gewesen und zeuge von „mangelnder Sensibilität“. „Das Virus macht keinen Unterschied, wo in großen Gruppen gefeiert wird. Ich bedaure sehr, dass das viele Menschen als verletzend erlebt haben“, betonte Kogler. Er denke da vor allem an die „vielen Frauen und Männer, die sich bei uns seit vielen Monaten in Heimen, Spitälern und anderen wichtigen Bereichen voll einsetzen“. Viele von ihnen hätten ihre Wurzeln in der Balkanregion.

Empörung groß

Im Internet war die Empörung über die Worte des Kanzlers teils groß, viele störten sich vor allem an seinen Formulierungen. Kurz stützt seine Bestandsaufnahme auf Zahlen der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (Ages), die eine entsprechende Auswertung nach der Urlaubssaison im Sommer veröffentlicht hatte. Daraus geht hervor, dass in den Kalenderwochen 33 bis 35, im August, die Zahl der Neuinfektionen sprunghaft anstieg – auch bei Rückkehrern aus dem Westbalkan. In Kalenderwoche 34 kamen demnach 555 der insgesamt 1882 Corona-Infizierten aus dieser Region. In der Woche davor waren es 504 von 1441 Neuinfizierten.

Nicht nur Familienbesuche

Auf Nachfrage der Kleinen Zeitung legt man bei der Ages Wert darauf, dass es sich dabei lediglich um eine geografische Einordnung handelt. Hier wird übrigens auch das in Österreich so beliebte Urlaubsland Kroatien dem Westbalkan zugerechnet. „Die Darstellung bezieht sich nicht auf die Nationalität der infizierten Personen“, betont Werner Windhager von der Ages.

Es ist also zulässig, in dieser Zeit auf eine relativ hohe Infektionsrate unter Reiserückkehrern hinzuweisen. Ob es sich dabei um Menschen mit Migrationshintergrund handelte, die ihre Verwandten besuchten, oder ob es Inländer waren, die sich womöglich bei unvorsichtigen Aktivitäten im Urlaub infiziert haben, lässt sich daraus aber nicht ableiten. Das ließ Kurz unerwähnt.

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