Im Homeoffice brauchten Österreicher weder Deo noch Schminke

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Im Homeoffice brauchten Österreicher weder Deo noch Schminke

Was heimische Haushalte im ersten Corona-Jahr 2020 für Kosmetik und Körperpflege ausgabenund wie die Pandemie den Markt veränderte, hat das Marktforschungsinstitut GfK erhoben: Verstärktes Händewaschen und Handpflege bescherten Seifen ein deutliches Plus. Make-up, Stylingprodukte und Deos sind in Zeiten von Lockdowns und Homeoffice weniger gefragt. Insgesamt wuchsen die Ausgaben für den Haushaltsbedarf an Kosmetik gegenüber 2019 moderat auf rund 893 Millionen Euro, berichtete die Branchenplattform Kosmetik transparent.Händewaschen und -eincremen dominierten die Haut- und Körperpflege:Seifen, fest wie flüssig, legten laut GfK-Einkaufsstudie von 61 Prozent Käuferreichweite auf mehr als 70 Prozent zu, erläuterte Stefan Kukacka, Sprecher von Kosmetik transparent. Die Ausgaben dafür stiegen von neun auf elf Euro pro Haushalt im Jahr.

Weniger “hui”, dafür mehr Gemütlichkeit

Produkte fürs Ausgehen gerieten ins Hintertreffen. Von 44 auf 36 Euro sanken etwa die Ausgaben für die sogenannte dekorative Kosmetik, das bedeutet acht Euro weniger pro Haushalt für Lippenstift, Wimperntusche, Rouge, Eyeliner & Co.

Fast alle heimischen Privathaushalte, rund 96 Prozent, kauften im Vorjahr “Personal Care”, darunter fallen Produkte zur Reinigung und Pflege von Haut und Haar, für die Rasur, aber auch Duft und dekorative Kosmetik. Durchschnittlich wurde 26 Mal pro Jahr Kosmetik und Körperpflege eingekauft, eine Frequenz von etwa zweimal pro Monat. “In Summe erwarb ein Privathaushalt im Schnitt 60 Packungen und gab dafür 235 Euro aus“, sagte Kukacka. Das sind um fünf Euro mehr als im Jahr davor.

Badezimmer? Spa!

Für die Steigerung spielte laut GfK-Marktforscherin Sandra Bayer auch eine Rolle, dass sich die Menschen in Österreich mehr als früher die Haare selbst färbten, die Friseure hatten ja immer wieder längere Zeit geschlossen. Und sie gönnten sich häufiger als sonst Gesichtsmasken – Wellness im eigenen Bad statt im Spa.Zuwächse verbuchten auch die Bereiche Haar- und Hautpflege, Lippenbalsamen, Rasur und Mundhygiene. 81 Prozent aller Haushalte kauften 2020 zumindest einmal ein Produkt der Kategorie “Haare” und gaben dafür rund 47 Euro aus (plus drei Euro gegenüber 2019). Zu Hautpflege griffen rund 72 Prozent und ließen sich solche Produkte rund 75 Euro kosten, ein Mehr von fast sechs Euro, zu dem vor allem die verstärkte Nachfrage nach Gesichtsmasken beigetragen habe. Ein moderates Wachstum gab es auch bei Körperpflege und bei Lippenbalsamen für Pflege und Sonnenschutz.

Bitte lächeln! 45 Euro für Zahnpflege

Für die Rasur – Rasierer, Schaum und Rasierwasser – gaben die Haushalte mit 42 Euro um zwei Euro mehr aus als im Jahr 2019. Aus der Kategorie Mund- und Zahnpflege kauften 86 Prozent zumindest einmal ein Produkt und gaben insgesamt durchschnittlich rund 45 Euro aus (plus zwei Euro).Einbußen gab es bei Styling, Deos und Sonnenschutz: 97 Prozent kauften zwar zumindest einmal etwas aus der Kategorie “Personal Care Rest” und gaben 104 Euro in Summe dafür aus, das sind aber rund vier Euro weniger als im Jahr davor. Die Rückgänge sind hier vor allem bei der dekorativen Kosmetik und bei Deos zu verbuchen. Letztere verloren in der Käuferreichweite von rund 63 auf 61 Prozent. “Weniger Kontakte zu anderen führt zu einer geringeren Verwendung von Deos”, erläuterte Kukacka. Auch Sonnenschutz wurde weniger gekauft, die Einbußen fielen aber mit einem Rückgang von 16,80 Euro pro Haushalt auf 16,30 Euro gering aus.

 

Natur für Gesicht und Körper

Naturkosmetik liegt weiter im Trend. Mehr als die Hälfte aller österreichischen Haushalte kaufte zumindest einmal im Jahr Natur- oder “naturnahe” Kosmetik. Die Ausgaben pro Käufer stiegen von rund 37 auf 40 Euro.Der wichtigste Absatzkanal blieb der Drogeriefachhandel: 60,2 Prozent der Umsätze von Kosmetik und Körperpflege wurden wie im Jahr 2019 dort erzielt. Eine moderate Steigerung verzeichnete der Lebensmittel- und Diskonthandel (von 26,3 auf 26,8 Prozent). Apotheken legten von 3,5 auf 3,7 Prozent zu, Parfumerien mussten hingegen ein Minus von 0,7 Prozentpunkten auf 6,3 Prozent Umsatzanteil verzeichnen. Der Verlust sei auf Lockdown-Schließzeiten zurückzuführen.

 

Am Gesamtumsatz sind die Warenkörbe Haare sowie Zahn- und Mundpflege übrigens in etwa gleich stark vertreten, mit 16,7 bzw. 17,1 Prozent. Hautpflege macht 23,6 Prozent aus, der restliche “Personal-Care”-Bereich schlägt mit 42,5 Prozent zu Buche.

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Rezession könnte so groß sein wie im Krisenjahr 2009

Bundeskanzler Sebastian Kurz pocht im Rückblick auf die Flüchtlingskrise 2015, die sich dieser Tage jährt, auf einen “Systemwechsel in der europäischen Migrationspolitik”. Illegale Migranten müssten an der europäischen Außengrenze gestoppt werden – “damit zerschlagen wir das Geschäftsmodell der Schlepper und beenden das Sterben im Mittelmeer”, zeigte sich Kurz gegenüber der APA überzeugt. “Wir in Europa müssen darüber entscheiden, wer zuwandern darf und nicht die Schlepper”, meinte Kurz in einer schriftlichen Stellungnahme. Deshalb seien illegal eingereiste Migranten an der EU-Außengrenze aufzuhalten und in ihre Herkunftsländer oder sichere Drittstaaten zurückzubringen. Es sei eine der wichtigsten Lehren aus der Flüchtlingskrise vor fünf Jahren, dass “illegale Migration quer durch Europa unrechtmäßig und daher auch zu stoppen ist”. Viele Länder hätten mittlerweile ihre Politik verändert, auch Deutschland, erklärte Kurz. “Wir müssen unsere Systeme, unsere Sicherheitsbehörden wie unseren Sozialstaat, vor einer Überforderung schützen.” Auch dürfe man “keinen neuen Antisemitismus aus der arabischen Welt ins Land importieren”, verwies der Kanzler auf die kürzlichen antisemitischen Übergriffe in Graz. Kurz war 2015 Außen- und Integrationsminister unter dem roten Kanzler Werner Faymann. 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Die Politik habe aus der Flüchtlingskrise 2015 nicht die richtigen Schlüsse gezogen, glaubt Christian Kern, damals ÖBB-Manager und späterer SPÖ-Kanzler. “Ich fürchte, dass man wenig daraus gelernt hat”, meinte Kern im APA-Gespräch. Dennoch hat er die Krise als “einen der besten Momente der Zivilgesellschaft in Österreich” in Erinnerung. Nach wie vor hat Kern, der für sein Krisenmanagement als ÖBB-Chef viel Lob erfahren hat, die Bilder von damals im Kopf: Am eindrücklichsten sei gewesen, als die ersten Züge mit Flüchtlingen aus Ungarn an den Wiener Bahnhöfen ankamen und von Helfenden empfangen wurden, “das war wie ein Wimmelbild, wenn man so will”. Die verängstigten und völlig erschöpften Menschen seien auf “Menschlichkeit” und eine “enorme Hilfsbereitschaft” der Bevölkerung gestoßen. 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Kurz im Rückblick für "Systemwechsel" in Migrationspolitik